Wiederkehrende Rückenschmerzen - Was sagt die Wissenschaft?
Was eine schwedische Studie über die meistunterschätzte Frage in der Rückenbehandlung verrät — und warum die Antwort selten in der Apotheke liegt.
Dreimal im Jahr derselbe Rücken. Manchmal fünf-, sechsmal. Du kennst die Diagnose. Du kennst die Tabletten. Du kennst die Übungen aus dem letzten Mal. Trotzdem kommt der Schmerz immer wieder.
Das ist kein Pech oder Schicksal. Das ist ein Muster.
Und in der Frage, wie man dieses Muster anders gestaltet, liegt mehr Information als in jedem MRT.
Die typische Reihenfolge — und was an ihr nicht stimmt
Wenn der Rücken sich schmerzhaft meldet, beginnt im deutschen Gesundheitssystem eine bekannte Kaskade: Tabletten nehmen die noch im Arzneischrank sind.. Wenn das nicht reicht — zum Arzt. Krankschreiben, stärkere Schmerzmittel, evtl. Physiotherapie. Wenn das nicht reicht — Bildgebung. Wenn das nicht reicht — Spritze. Vielleicht Operation.
Die einzelnen Schritte sind nicht falsch. Falsch ist meistens nur eines: die Reihenfolge.
Denn die aktuellen Leitlinien — die Nationale VersorgungsLeitlinie nicht-spezifischer Kreuzschmerz (so sehr ich diesen Namen auch verabscheue...) genauso wie die internationale Konsenslinie, die 2018 in der Fachzeitschrift The Lancet formuliert wurde — empfehlen bei dieser extrem häufigen Art von nicht-pathologischen Rückenschmerzen zuerst etwas anderes:
- nicht-medikamentöse Maßnahmen
- Bewegung
- Manuelle Versorgung
- Aufklärung
- WICHTIG: Die Tablette ist nicht der erste Schritt. Sie ist eine Option, wenn andere Wege ausgeschöpft sind.
Was eine schwedische Forschungsgruppe untersucht hat
Andreas Eklund und sein Team an der Karolinska-Universität haben eine Frage untersucht, die in der Versorgungsforschung selten klar gestellt wird: Was passiert, wenn Menschen mit wiederkehrenden Rückenschmerzen nicht erst dann gesehen werden, wenn der Schmerz da ist — sondern auch in den Phasen dazwischen?
In ihrer Untersuchung* begleiteten sie 328 Personen über ein Jahr. Alle hatten wiederkehrende, unspezifische Rückenschmerzen. Alle hatten auf initiale chiropractische Behandlung gut angesprochen. Eine Gruppe wurde über 12 Monate nur behandelt, wenn die Beschwerden zurückkamen. Die andere Gruppe bekam zusätzlich gelegentliche Termine in beschwerdefreien Phasen — im Schnitt alle 6-8 Wochen. Dies ergab zusätzlich etwa drei Termine pro Jahr in der Gruppe die auch ohne Schmerzen zum Chiropractor ging.
Das Ergebnis: Die Gruppe mit regelmäßiger Begleitung hatte in diesem Jahr deutlich weniger (im Durchschnitt 13) Tage, an denen sie unter belastenden Rückenschmerzen litt.
Was die Studie nicht behauptet
Jeder weiß: Eine Studie ist keine Wahrheit. Sie ist ein Hinweis.
Diese Studie hat klare Grenzen, die wie üblich von den Autoren selbst angesprochen und diskutiert werden. Sie konnte nicht verblindet werden. Sie betrachtete ausschließlich Menschen, die schon gut auf chiropraktische Behandlung reagiert hatten. Und sie ist eine einzelne Untersuchung in einem Feld, in dem mehr Forschung gebraucht wird.
Wer mit fertigen Versprechen winkt und unterschlägt, dass das nicht für jeden gilt, will etwas verkaufen.
Was die Studie zeigt, ist genau beschrieben — und gerade dadurch interessant:
Für Menschen mit wiederkehrenden Rückenschmerzen, die auf chiropractische Behandlung positiv ansprechen, scheinen Behandlungen in der Lücke zwischen den schmerzhaften Episoden mindestens so wichtig zu sein wie die Behandlung der akuten Episode selbst.
Wie sieht das in der Praxis aus?
Wenn sich dein Rücken immer wieder mal schmerzhaft meldet, ist die wichtigste Frage nicht: Welche Tablette nehme ich heute? Sondern: Was im Muster meines Lebens hat es dazu kommen lassen?
Dieses Muster besteht aus zwei Dingen, die du jeden Tag selbst beeinflusst.
Wie du dich bewegst.
Wie viel Bewegung dein Körper überhaupt bekommt.
Gesundheit und Bewegung ist kein Event
Nicht die zwei Stunden im Fitnessstudio sind entscheidend. Sondern das, was zwischen Schreibtisch, Sofa und Bett passiert. Wie du dich morgens aufrichtest. Wie du Treppen nimmst. Ob du dich überhaupt traust, deinen Rücken in alle Richtungen zu bewegen.
Was du nicht selbst lösen kannst — eingefahrene Bewegungsmuster, festgesetzte Blockaden — dafür sind die fachlichen Hände Deines Chiropractors da. Nicht als hochfrequente Dauerbehandlung. Sondern als gelegentlicher Anstoß, der hilft, das Muster zu unterbrechen, bevor es sich wieder verfestigt.
Was ist wirklich neu?
Das ist es, was diese Studie nahelegt: weg vom Krisen-Reflex, hin zu einer Reihenfolge, die zum tatsächlichen Verlauf wiederkehrender Rückenschmerzen passt.
Nicht erst handeln, wenn nichts mehr geht. Sondern dann, wenn noch alles geht — und das, was du selbst tust, dabei den größeren Teil ausmacht. Denn wer sich nicht um den Erhalt der Gesundheit kümmert, wird irgendwann gezwungen sich um seine Krankheiten zu sorgen.
Erster Schritt. Bevor jemand anderes ihn für dich macht.
* Eklund A, Jensen I, Lohela-Karlsson M, et al. The Nordic Maintenance Care program: Effectiveness of chiropractic maintenance care versus symptom-guided treatment for recurrent and persistent low back pain — A pragmatic randomized controlled trial. PLoS One. 2018;13(9):e0203029.
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