Nachsorge statt Vorsorge
Was die Wahlprogramme in Sachsen-Anhalt über unser Gesundheitsverständnis verraten
Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt gewählt. Eine Wahl die viele Menschen zu Recht bewegt, besorgt und beschäftigt. Sieben Wahl-Programme habe ich auf eine einzige Frage hin (quer) gelesen:
Wo steht etwas über das Vorbeugen?
Nicht über Kliniken, Betten, Ärztezahlen — sondern über das, was Krankheit gar nicht erst entstehen lässt.
Das Ergebnis ist ernüchternd. Und es ist lehrreich.
Gesundheit wird als Reparaturbetrieb gedacht
Fast jedes Programm buchstabiert Gesundheitspolitik gleich: Krankenhäuser erhalten, Ärzte gewinnen, Investitionsstau abbauen, Notaufnahmen sichern. Das ist wichtig. Es ist auch teuer. Und es ist Nachsorge.
Der Mensch taucht in diesen Programmen erst auf, wenn er krank ist. Die Politik verspricht ihm dann einen kürzeren und direkteren Weg zur Reparatur. Über den langen Weg davor — Bewegung, Ernährung, Schlaf, Belastung, Eigenverantwortung — schweigen die meisten.
Das ist kein Zufall. Es ist ein Weltbild. Tragisch daran ist, dass es sich durch alle politischen Richtungen zieht. Gesundheit gilt als Zustand, den ein Arzt im Gesundheitssystem wiederherstellt, nicht als Fähigkeit, die ein Körper selbst trägt. Dem Menschen wird eine passive Rolle zugeteilt. Lediglich als Empfänger der Leistungen. Verbessrung der Selbstwirksamkeit? Keine Spur!
Wo Prävention auftaucht, meint sie meist etwas anderes
Das Wort „Prävention" steht durchaus in den Programmen. Nur selten meint es Gesundheit.
Die Linke führt „Prävention" prominent — im Kapitel zur Sicherheit: „Prävention ist die beste Polizei", Eigenvorsorge als bester Schutz beim Bevölkerungsschutz. Feuerwehr, Katastrophenschutz, nicht Bewegungsapparat.
Die FDP spricht von „Eigenverantwortung" — bezogen auf Hochschulen und Unternehmen, nicht auf den eigenen Körper.
Prävention ist als Wort populär. Als Gesundheitskonzept ist sie es nicht.
Eine Ausnahme, zumindest andeutungsweise...
Fummel fair zu bleiben: Die CDU schreibt einen bemerkenswerten Satz ins Regierungsprogramm. Gesundheit sei mehr als die Behandlung von Krankheit, sie beginne mit Prävention.
Das ist der richtige Gedanke, schwarz auf weiß. Nur bleibt es beim Satz. Was danach folgt, sind wieder Studienplätze, Versorgungsnetzwerke, Apotheken vor Ort, Fachkräftebindung. Struktur, Struktur, Struktur. Der Vorsorge-Gedanke wird angerissen aber nicht weiter ausgeführt. Er ist die Ouvertüre zu einem Stück über Reparatur.
Das ist symptomatisch. Nicht einmal dort, wo das richtige Wort steht, folgt ein Konzept. Es ist so als gehen alle in Verantwortung davon aus, dass jeder Mensch schon weiß, wie Prävention funktioniert und umzusetzen ist. Dem ist leider nicht so...
Was in keinem Programm steht
In keinem der sieben Programme steht ein durchdachtes Konzept für das, was auf Bevölkerungsebene die härteste Evidenz für Gesundheitsgewinn hat:
- alltägliche Bewegung
- Kräftigung
- Ernährung
- Verhaltensänderung
- Stärkung der Selbstregulationsfähigkeit des Körpers
Kein Programm fragt: Wie halten wir Menschen gesund, statt sie schneller zu reparieren? Wie senken wir die Krankheitslast, statt sie besser zu verwalten?
Die gesamte Landespolitik denkt Gesundheit nachsorgend. Die Nachsorgeuntersuchung ist zum Leitbild geworden — das gründliche Draufschauen, nachdem der Schaden da ist. Es ist kein Konzept, wenn ich den Menschen nicht in den Mittelpunkt stelle.
Durch Bewegungsprogramme zur Sturzprävention und Gewichtsregulierung kann der Zeitpunkt der Abhängigkeit, des Eintritts in die Pflege signifikant in die späteren Lebensjahre verschoben werden. Dies kann einen sinnvollen Beitrag liefern das gesamte Versorgungssystem zu stabilisieren.
Eine weitere Frage, die selten gestellt wird:
Nicht: Wo bekommen wir mehr Geld her für das teure Gesundheitswesen?
Sondern: Warum ist es eigentlich so teuer?
Warum das Ihr Thema ist
Ein System, das erst bei Krankheit beginnt, wird immer teurer und die Menschen nie gesünder. Man kann unendlich viele Kliniken modernisieren und wird die Morbidität (Häufigkeit von Krankheiten) damit nicht senken.
Reparatur ist wichtig und hilft allen, aber den Patienten am wenigsten. Vorsorge verbessert das Leben der Patienten. Profit ist aus Vorsorgeprogrammen kaum zu erwarten.
Der Körper ist kein Objekt, das repariert wird. Er ist ein selbstregulierendes System, das man begleiten kann — oder eben nicht. Ein Navigator ist nützlicher als ein Mechaniker.
Genau da, wo die Programme schweigen, beginnt unsere Arbeit als Chiropractoren. Gesundheit ist kein Event, das im Wartezimmer stattfindet. Sie ist das, was Sie zwischen den Terminen tun.
Tue nie nichts.
*Quellen: Regierungsprogramme und Wahlprogramme der Parteien zur Landtagswahl Sachsen-Anhalt 2026 (CDU, AfD, SPD, Grüne, FDP, Die Linke, dieBasis); Deutsches Ärzteblatt, ZDFheute, Stifterverband, jeweils August/September 2026.*