Wirkt Chiropractic bei Rückenschmerzen? Die falsche Frage
Wirkt Medizin bei Schmerzen?
In unregelmäßigen Abständen werden Selbstzahler Leistungen genauer unter die Lupe genommen. Jetzt ist eine neue Bewertung der Osteopathie erschienen. Da es sich bei Chiropractic und Osteopathie um Ansätze aus der manuellen Heilkunde handelt, sind die Fragestellungen und Rückschlüsse auch für mein Fach relevant.
Im Juni 2026 hat der IGeL-Monitor die Osteopathie bei Kreuzschmerzen bewertet.
Ergebnis: „unklar"... Die Überschrift des Berichts lautet: Kann Osteopathie Kreuzschmerzen lindern?Die Autoren gaben sich Mühe eine Antwort zu finden. Keiner fragte: Ist die Fragestellung überhaupt sinnvoll?
Lesen Sie diese vier Fragen langsam:
- Wirkt Medizin bei Schmerzen?
- Wirkt Osteopathie bei Rückenschmerzen?
- Wirkt Chiropractic bei Rückenschmerzen?
- Wirkt Physiotherapie bei Rückenschmerzen?
Bei der ersten haben Sie sofort gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Es stellen sich mehr Fragen, als potentielle beantwortet werden. Welche Medizin – Ibuprofen, eine Operation, ein Antidepressivum? Welche Schmerzen – Zahnschmerz, Migräne, Bauchweh?
Bei den anderen drei haben fällt es nicht so auf. Dabei sind alle vier identisch gebaut.
Der Beruf ist keine Behandlung
Osteopathie, Chiropractic, Physiotherapie sind Berufe, keine Handgriffe. Studien testen fast immer nur einen einzelnen Griff – und ziehen Schlüsse über das Ganze. Als würde man den Zahnarztberuf bewerten, indem man nur den Bohrer misst.
„Rückenschmerz" ist keine Diagnose, sondern eine Ortsangabe
Der IGeL-Bericht schreibt es selbst: Bei höchstens einem von fünf Betroffenen findet sich ein erkennbarer körperlicher Grund. Der Rest heißt „unspezifisch" – ein Wort, das nicht sagt, was es ist, sondern nur, was man nicht gefunden hat. Darunter versammeln sich der Hexenschuss und alle anderen funktionellen Probleme des Beckens und der LWS. Auch sind hier alle Dinge eingeschlossen, die auf den Rücken ausstrahlen aber von woanders ursächlich herrühren.
Und „wirkt" ohne Vergleich ist leer
Wirkt verglichen womit? Mit gar nichts, mit einer Tablette, mit Bewegungstherapie? Gemessen woran, nach welcher Zeit?
Aber selbst mit perfekter Studienlage hätten Sie erst ein Drittel der Antwort
David Sackett, der Begründer der evidenzbasierten, oder besser Evidenz-informierten, Medizin, hat 1996 die drei Säulen beschrieben, worauf eine gute Behandlungsentscheidung beruht:
- auf der besten verfügbaren Forschung
- auf der klinischen Erfahrung des Behandlers
- auf dem, was der Patient braucht und will.
Sein zentraler Satz: Externe Forschung kann die klinische Erfahrung informieren, aber niemals ersetzen – denn erst diese Erfahrung entscheidet, ob die Forschungsergebnisse auf diesen einen Menschen überhaupt zutreffen.
Der IGeL-Monitor prüft davon eines: die Forschung. Das ist seine Aufgabe, und er erfüllt sie sauber. Sein „unklar" gilt der Studienlage – nicht der Behandlung. Die echte Konsequenz, die heraus folgt ist, es müssen bessere Fragen gestellt werden und qualitativ hochwertigere Studien erstellt werden.
Was daraus in der Berichterstattung wird, ist etwas anderes. Aus einem Urteil über ein Drittel wird ein Urteil über das Ganze.
Und das funktioniert in beide Richtungen. Wer sagt „Studien hin oder her, ich sehe doch, dass es hilft", streicht ebenfalls zwei Drittel – nur die anderen. Erfahrung ohne Kontrolle ist die zuverlässigste Quelle für Selbsttäuschung, die es gibt.
Fragen Sie stattdessen:
- Was genau habe ich – und was wurde ausgeschlossen?
- Wie verläuft das üblicherweise, auch ohne Behandlung?
- Was übernimmt die Behandlung, was übernehme ich?
- Woran merken wir in vier Wochen, ob das der richtige Weg war?
- Was ist Plan B, wenn nichts passiert?
Ein Behandler/eine Behandlerin, der/die darauf keine Antwort hat, ist der/die Falsche. Unabhängig von jeder Studienlage.
Nächste Woche: was die Evidenz tatsächlich hergibt. Auch da, wo es meinem eigenen Beruf nicht schmeichelt.
Tue nie nichts.
Timo Kaschel
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