Kopfschmerzen & Nackenverspannung
Spannungskopfschmerz oder zervikogener Kopfschmerz? Der entscheidende Unterschied
Jahrelang Kopfschmerzen – und keine Behandlung hilft wirklich? Das Problem könnte sein: Sie werden für die falsche Kopfschmerzart behandelt.
Spannungskopfschmerzen und zervikogene Kopfschmerzen werden selbst von Ärzten häufig verwechselt. Dabei ist die Unterscheidung entscheidend: Was bei dem einen hilft, wirkt beim anderen kaum. In diesem Artikel erklären wir Ihnen die wissenschaftlich fundierten Unterschiede – und wie Sie herausfinden, welcher Typ bei Ihnen vorliegt.
Aus der Praxis
In meiner Leipziger Praxis sehe ich sehr viele Menschen mit Kopfschmerzen. Auf die Frage: "Haben Sie Kopfschmerzen?" kommt häufig die Antwort: "Nicht mehr als NORMAL!"
An Kopfschmerzen ist nichts normal. Es gibt diverse Kopfschmerzarten und diese sind auch für mich als Chiropractor (Chiropraktiker mit erfolgreich abgeschlossenem Hochschulstudium) nicht immer einfach auseinander zu halten. Daher tauche ich in dieses Thema beim Gespräch immer wieder gerne etwas tiefer ein.
Denn selbst Kopfschmerzen, die mal als Migräne diagnostiziert wurden sind sehr selten zu 100% Migräne. Spannung der Nackenmuskulatur spielen oft eine große Rolle bei der Häufigkeit und Heftigkeit der Kopfschmerzen.
Die zwei Kopfschmerzarten im Überblick
Spannungskopfschmerz (Tension-Type Headache) Ein primärer Kopfschmerz – das bedeutet, es gibt keine erkennbare körperliche Ursache. Der Schmerz ist die Erkrankung selbst. Spannungskopfschmerzen sind die häufigste Kopfschmerzart überhaupt: 69% der Männer und 88% der Frauen erleben sie mindestens einmal im Leben.
Es klingt komisch, aber es gibt sehr viele Erscheinungen in der Medizin, die behandelt werden obwohl die Ursache völlig unbekannt ist. Rheuma und die Autoimmunerkrankungen gehören dazu.
Zervikogener Kopfschmerz (Cervicogenic Headache) Ein sekundärer Kopfschmerz – hier gibt es eine klare Ursache: eine mechanische Funktionsstörung in der Halswirbelsäule. Der Kopfschmerz ist ein Symptom dieser Gelenkblockade und der dazugehörigen Muskelverspannung.
Zervikogene Kopfschmerzen machen 15-20% aller chronischen Kopfschmerzen aus, werden aber in der Mehrheit der Fälle nicht erkannt.
Der direkte Vergleich: 7 entscheidende Unterschiede
Warum die Unterscheidung so schwierig ist
Beide Kopfschmerzarten können sehr ähnlich aussehen:
Gemeinsame Merkmale:
- Beide können mit Nackenverspannungen einhergehen
- Beide können chronisch werden
- Beide können die Lebensqualität massiv einschränken
- Bei beiden können Begleitsymptome wie Übelkeit auftreten
Der kritische Unterschied:
Bei Spannungskopfschmerz ist die Nackenverspannung eine Begleiterscheinung des Kopfschmerzes. Bei zervikogenem Kopfschmerz ist die Nackenstörung die Ursache des Kopfschmerzes.
Eine Studie von Vincent & Luna (1999) zeigte: 66% der Patienten mit zervikogenem Kopfschmerz erfüllten NICHT die Kriterien für Migräne oder Spannungskopfschmerz. Das bedeutet: Die Mehrheit wird jahrelang falsch diagnostiziert und behandelt!
Aus der Praxis
Eine der wichtigsten Fragen, die Patient*innen mir stellen lautet: "Kann die Chiropractic mir helfen?" Um diese Frage sinnvoll und realistisch zu beantworten ist es absolut entscheidend, die Ursachen des Problems zu kennen.
Die Unterscheidung zwischen diesen beiden Kopfschmerzarten hilft sehr die Prognose zu verfeinern. Das schönste am Beruf des Chiropractors ist, dass die Theorie sofort in die Praxis umgesetzt wird. So höre ich häufig die erstaunten Patient*innen die mir berichten, dass sie seltener und weniger heftig Kopfschmerzen haben.
Die 3 wichtigsten diagnostischen Tests
1. Der Bewegungs-Test
Spannungskopfschmerz: Kopfbewegungen verändern den Schmerz NICHT
Zervikogener Kopfschmerz: Bestimmte Kopfpositionen (z.B. Rotation, Extension) verschlechtern den Schmerz deutlich
2. Der Druck-Test (Palpation)
Spannungskopfschmerz: Diffuse Druckempfindlichkeit möglich, aber kein spezifischer Punkt
Zervikogener Kopfschmerz: Druck auf C1-C3 (obere Halswirbelsäule) reproduziert den typischen Kopfschmerz
3. Der Flexion-Rotation-Test (FRT)
Spezifischer Test für zervikogenen KopfschmerzPatient liegt auf dem Rücken, Kopf maximal gebeugt, dann RotationEingeschränkte Rotation (< 45°) deutet stark auf zervikogenen Kopfschmerz hin
So diagnostiziert der Chiropractor
Seit ich vor mehr als 25 Jahren meinen Abschluss zum Master of Chiropractic in England gemacht habe, sind die wichtigsten diagnostischen Werkzeuge meine Hände.
Das bedeutet dass der Punkt 2 aus der obigen Liste die meisten Erkenntnisse bringt. Das Ertasten der einzelnen Wirbel, der Muskelspannung und besonders der Beweglichkeit zwischen den Wirbeln wird von kaum einem anderen Gesundheitsberuf so intensiv durchgeführt. Leider wird heute viel zu früh und zu viel Hightech eingesetzt.
In der Chiropractic vertrauen wir auf Augen, Ohren, Gehirn und Hände, um die Diagnose zu stellen.
Was sagt die aktuelle Forschung?
Studie 1: Chiropraktik bei zervikogenem Kopfschmerz (2025)
Xu & Ling veröffentlichten im Mai 2025 eine umfassende Metaanalyse (Studie über Studien) in Frontiers in Neurology. Sie verglichen drei manuelle Therapieformen bei zervikogenen Kopfschmerzen:
- Chiropraktische Manipulation (Justierung)
- Mobilisation
- Massage
Ergebnis: Die chiropraktische Justierung zeigte die beste Wirksamkeit bei:
- Schmerzreduktion (VAS-Skala)
- Reduktion der Kopfschmerzhäufigkeit
- Verkürzung der Kopfschmerzdauer
- Verbesserung der Lebensqualität
Studie 2: Chiropraktik bei Spannungskopfschmerz (2024)
Trager et al. untersuchten in einer retrospektiven Kohortenstudie (Health Science Reports, 2024) Patienten mit Spannungskopfschmerz:
Ergebnis: Patienten, die chiropraktisch behandelt wurden:
- ... brauchten deutlich seltener Schmerzmittel
- ... hatten ein geringeres Risiko für Medikamenten-Übergebrauchskopfschmerz
- ... profitierten von einem nicht-medikamentösen Behandlungsansatz
Wichtig: Bei Spannungskopfschmerz ist Chiropraktik eine unterstützende Maßnahme, nicht die Hauptbehandlung. Die primäre Therapie umfasst Stressmanagement, Verhaltenstherapie und in chronischen Fällen prophylaktische Medikamente.
Studie 3: Evidence-Based Guidelines (2011)
Bryans et al. veröffentlichten die bis heute gültigen evidenzbasierten Leitlinien für chiropraktische Kopfschmerzbehandlung:
Empfehlungen:
- Zervikogener Kopfschmerz: Spinale Manipulation wird als sinnvollste Option empfohlen (Evidenzgrad: stark)
- Migräne: Spinale Manipulation kann hilfreich sein (Evidenzgrad: moderat)
- Spannungskopfschmerz (episodisch): Spinale Manipulation wird NICHT empfohlen. Weitere Behandlungstechniken die von Chiropractoren genutzt werden, sind hilfreich.
- Spannungskopfschmerz (chronisch): Low-load Mobilisation kann hilfreich sein
Kopfschmerzen bei Chiropractic Leipzig
Studienergebnisse sind ein wichtiger Baustein bei der Entscheidung welche Behandlung angewandt werden soll. Sie stellen aber nur 1/3 der sogenannten Evidenz informierten Heilkunde dar.
Die anderen beiden Säulen sind die persönliche professionelle Erfahrung des Chiropractors und die Erfahrungen des Patienten. Und genau hier zeigt sich, dass die meisten Kopfschmerzen eine Mischform darstellen.
Das bedeutet, dass eine Spannungskomponente der Halswirbelsäule eigentlich immer präsent ist. Dieses Element zu behandeln hilft sehr oft auch bei Migräne die Häufigkeit und Heftigkeit der Attacken zu mindern.
Behandlung von zervikogenem Kopfschmerz: Den Nacken behandeln
- Primär: Behandlung der HWS-Störung (chiropraktische Manipulation, Physiotherapie)
- Begleitend: Haltungskorrektur, ergonomische Anpassungen
- Unterstützend: Manuelle Therapie, Triggerpunkt-Behandlung
- Prophylaxe: Übungen für die Halsmuskulatur
- Medikamente: Meist wenig wirksam (da nicht die Ursache behandelt wird)
Behandlung von Spannungskopfschmerz: Den Kopf behandeln
- Primär: Stressmanagement, Entspannungstechniken, Verhaltenstherapie
- Akut: Analgetika (Paracetamol, Ibuprofen) – aber Vorsicht vor Übergebrauch!
- Chronisch: Prophylaktische Medikamente (Amitriptylin, Mirtazapin)
- Unterstützend: Physiotherapie, leichte Nackenübungen
- Ergänzend: Chiropraktische Low-load Mobilisation (bei chronischen Fällen)
Fazit: Warum die richtige Diagnose entscheidend ist
Die Fakten:
- 66% der zervikogenen Kopfschmerzen werden nicht als solche erkannt
- Patienten werden im Durchschnitt 7 Jahre mit falschen Diagnosen behandelt
- Die Behandlung von Spannungskopfschmerz hilft NICHT bei zervikogenem Kopfschmerz
- Umgekehrt: HWS-Behandlung hilft nur begrenzt bei echten Spannungskopfschmerzen
Selbsttest: Welcher Kopfschmerztyp bei Ihnen?
Beantworten Sie folgende Fragen:
1. Wo beginnt Ihr Kopfschmerz?
Beidseitig, überall am Kopf → eher Spannungskopfschmerz
Einseitig, beginnt im Nacken/Hinterkopf → eher zervikogen
2. Wie fühlt sich der Schmerz an?
Dumpf drückend, wie ein Band → eher Spannungskopfschmerz
Ziehend, von hinten nach vorne → eher zervikogen
3. Was löst die Kopfschmerzen aus?
Stress, Schlafmangel, psychische Belastung → eher Spannungskopfschmerz
Längeres Sitzen, bestimmte Kopfpositionen, Nackenarbeit → eher zervikogen
4. Verschlimmern sich die Schmerzen bei Kopfbewegung?Nein → eher SpannungskopfschmerzJa, deutlich → eher zervikogen
5. Haben Sie Nackenschmerzen oder -steifigkeit?
Manchmal, aber nicht immer → eher Spannungskopfschmerz
Ja, fast immer zusammen mit den Kopfschmerzen → eher zervikogen
6. Auf welcher Seite treten die Kopfschmerzen auf?
Wechselnd oder beidseitig → eher Spannungskopfschmerz
Immer auf der gleichen Seite → eher zervikogen
Auswertung:
Mehrheit "Spannungskopfschmerz" → Primäre Kopfschmerzerkrankung, Fokus auf Stressmanagement
Mehrheit "zervikogen" → Nackenstörung als Ursache, HWS-Behandlung sinnvoll
Gemischt → Möglicherweise Mischform oder Überlappung
Wichtig: Dieser Test ersetzt keine professionelle Diagnose! Lassen Sie Ihre Kopfschmerzen von einem Spezialisten untersuchen.
In unserer Leipziger Praxis:
- Führen wir gezielte Tests durch (Bewegungstest, Palpation, Flexion-Rotation-Test)
- Unterscheiden wir klar zwischen den Kopfschmerztypen
- Behandeln wir entsprechend der richtigen Diagnose
- Überweisen wir bei Bedarf an Neurologen oder Schmerztherapeuten
- Quellen:
- Xu X, Ling Y. (2025). Comparative safety and efficacy of manual therapy interventions for cervicogenic headache: a systematic review and network meta-analysis. Frontiers in Neurology, 16:1566764. [https://www.frontiersin.org/journals/neurology/articles/10.3389/fneur.2025.1566764/full]
- Trager RJ, Williamson TJ, Makineni PS, Morris LH. (2024). Association Between Spinal Manipulation, Butalbital Prescription, and Medication Overuse Headache in Adults With Tension-Type Headache: Retrospective Cohort Study. Health Science Reports, 7(12):e70218.
- Bryans R, Descarreaux M, Duranleau M, et al. (2011). Evidence-based guidelines for the chiropractic treatment of adults with headache. Journal of Manipulative and Physiological Therapeutics, 34(5):274-289.
- Vincent MB, Luna RA. (1999). Cervicogenic headache: a comparison with migraine and tension-type headache. Cephalalgia, 19(Suppl 25):11-16.
- Antonaci F, Fredriksen TA, Sjaastad O. (2010). Cervicogenic headache: a review comparison with migraine, tension-type headache, and whiplash. Current Pain and Headache Reports, 14(2):114-121.
- Demont A, Lafrance S, Benaissa L, Mawet J. (2022). Cervicogenic headache, an easy diagnosis? A systematic review and meta-analysis of diagnostic studies. Musculoskeletal Science and Practice, 62:102640.