Wie schleichende Fehlhaltungen Ihre Beweglichkeit einschränken – und was Sie dagegen tun können
Das Problem: Schleichender Funktionsverlust ohne erkennbare Ursache
Veränderungen im Leben sind selten spektakulär. Viel häufiger ist es die Summe vieler kleiner Schritte, die unseren aktuellen Gesundheitszustand erklärt. Viele Menschen erleiden glücklicherweise niemals einen schweren Unfall, Herzinfarkt oder eine Krebserkrankung.
Die zentrale Frage lautet: Warum nimmt die Leistungsfähigkeit auch bei diesen Menschen oft so stark ab, dass sie sich nicht mehr selbst versorgen können?
Die typische Patientenantwort: "Ich weiß nicht, wie das kam"
In meiner Praxis stelle ich jedem Patienten die Frage: "Was denken Sie, woher Ihre Beschwerden kommen?"
In 80% der Fälle lautet die Antwort: "Weiß ich nicht! War einfach irgendwann da..."
Diese Antwort zeigt: Irgendetwas, das wir unbewusst im Alltag tun oder unterlassen, muss die Ursache sein. Der Prozess verläuft so schleichend, dass wir ihn nicht bemerken.
Die Bedeutung kleiner Anfänge
Seit meinem Studium beschäftigt mich die Frage, wie Dinge beginnen. Die Embryologie hat mich besonders fasziniert. Der erste Schritt in einem komplexen Vorgang lässt sich zwar oft nicht rückgängig machen. Aber das Verständnis dieser Anfänge hilft enorm dabei, das aktuelle Problem zu verstehen und zukünftiges Verhalten zu optimieren.
Der schleichende Prozess: Wie kleine Ausweichbewegungen zu großen Einschränkungen werden
Phase 1: Der erste leichte Schmerz
Der Mechanismus läuft typischerweise so ab:
Sie bekommen einen leichten Bewegungsschmerz, wenn Sie Ihren Rumpf vollständig aufrichten. Der Schmerz verschwindet sofort, sobald Sie die Schultern leicht nach vorne entspannen.
Ihre Reaktion: Ursache gefunden, Schmerz weg. Das Thema verschwindet aus Ihrer bewussten Wahrnehmung.
Was tatsächlich passiert: Ihre Propriozeption (Spannungs-, Druck- und Positionssinn) bleibt alarmiert.
Phase 2: Die körperlichen Anpassungen
Diese leichte, oft unmerkliche Schonhaltung löst eine Kettenreaktion aus:
- Muskeln auf der Vorderseite verkürzen sich
- Muskeln im Schulterblattbereich werden verlängert
- Gelenke (Schultergürtel, Halswirbelsäule, Brustwirbelsäule) verlieren ihre optimale Position
- Gelenkflächen sind nicht mehr zentriert aufeinander
Ihr Nervensystem registriert dies über unzählige Nervenenden und Rezeptoren. Ihre Muskulatur wird aktiviert, um die Gelenke wieder in die ideale Position zu ziehen. Diese leichte Daueranspannung belastet besonders jene Muskeln, die normalerweise nur kurz und phasenweise aktiv sein sollten.
Phase 3: Das neue "Normal"
Dieser Zustand bleibt über lange Zeit bestehen, weil Sie ihn nicht bewusst wahrnehmen. Er wird zum neuen "Normal" Ihres Körpers.
Das Tückische: Kein Röntgenbild, kein MRT, kein Labortest findet in dieser Phase ein Problem. Sie gelten als gesund – arbeiten aber ineffizient.
Phase 4: Die Spirale setzt sich fort
Es kommt unweigerlich zu einem weiteren leichten Bewegungsschmerz. Diesmal vielleicht beim Drehen des Kopfes nach links. Sie drehen Brustkorb und Schultern mit, der Schmerz wird weniger – und wieder fällt das Thema aus Ihrer bewussten Wahrnehmung.
Das Ergebnis: Von der Fehlhaltung zur Einschränkung
Ein typisches Beispiel
Denken Sie an die ältere Dame, die 90° nach vorne gebeugt langsam mit ihrem Rollator durch das Viertel spaziert. Sie grüßt freundlich, ist aber offensichtlich stark in ihren Bewegungen eingeschränkt.
Eines ist sicher: Sie ist nicht am Abend zuvor mit kerzengerader Wirbelsäule ins Bett gegangen. Die stark einschränkende Fehlhaltung ist wahrscheinlich das Ergebnis von:
- Einer Reihe kleinerer, an sich unbedeutender Schmerzen
- Unbewussten Ausweichmanövern
- Der Aussage: "In Ihrem Alter sind solche Schmerzen eben normal"
- Fehlenden motivierenden Hilfsangeboten im Gesundheitswesen für ältere Menschen
Das Resultat: Eine extrem unangenehme, kaum umkehrbare und stark einschränkende Fehlhaltung.
Die Lösung: Funktionale Selbsttests für Ihre Beweglichkeit
Die Balance in der Körperwahrnehmung zu finden ist herausfordernd. Alles hinzunehmen ist genauso schädlich wie in Panik zu verfallen, sobald sich Ihr Körper meldet.
Testprotokoll: 4 Beweglichkeitstests für zu Hause
Test 1: Knöchel, Knie, Hüfte – Die tiefe Hocke
Ziel-Level (beste Variante):
- Tiefe Hocke mit aufrechter Wirbelsäule (kontrollieren Sie mit einem Besenstiel am Rücken)
- Füße und Knie zusammen
- Füße flach auf dem Boden
Alternative Varianten (falls Ziel-Level nicht erreicht wird):
- Füße und Knie auseinander, Füße flach auf dem Boden
- Füße und Knie auseinander, Fersen angehoben oder auf Schräge unterstützt
Was tun bei Schwierigkeiten: Verbringen Sie täglich einige Minuten in der Hocke – in allen möglichen Varianten.
Zusatztest: Können Sie aus dem Schneidersitz ohne Hilfe der Arme und Hände aufstehen?
Test 2: Schultern und Brustwirbelsäule – Der "Fleischerhaken"
Test 2a: Hände hinter dem Rücken zusammenbringen
- Kopf und Halswirbelsäule bleiben entspannt
- Eine Hand von unten, die andere von oben
- Versuchen Sie, die Hände zu verbinden
Hilfsmittel bei Schwierigkeiten: Verwenden Sie einen Besenstiel zur Dehnung
Test 2b: Wandtest für Schultern
- Stellen Sie sich mit dem Rücken an die Wand
- Hinterkopf, Brustwirbelsäule und Gesäß berühren die Wand
- Arme gestreckt, nahe am Kopf, Handflächen zeigen nach vorne
- Handgelenke und Ellenbogen sollten die Wand berühren
- Alle drei Kontaktpunkte (Kopf, Brustwirbelsäule, Gesäß) bleiben während der gesamten Bewegung an der Wand
Die Bewegung: Bewegen Sie die gestreckten Arme so weit zur Seite, bis Handgelenke und Ellenbogen flach an der Wand liegen.
Test 3: Drehbeweglichkeit der Wirbelsäule – Der Spiegeltest
Ausgangsposition:
- Stehen, Füße zusammen
- Rücken zum Spiegel
Test nach rechts: Drehen Sie den Rumpf komplett nach rechts, bis Sie die Vorderseite Ihrer linken Schulter im Spiegel sehen.
Test nach links: Drehen Sie den Rumpf komplett nach links, bis Sie die Vorderseite Ihrer rechten Schulter im Spiegel sehen.
Auswertung: Was bedeuten Ihre Testergebnisse?
Wenn Sie alle Tests in der Ziel-Variante bestehen: Ihre Gelenke befinden sich in guter Form. Sie können ohne Bedenken:
- Wandern
- Joggen
- Yoga praktizieren
- Krafttraining durchführen
Wenn Sie Defizite oder Abweichungen feststellen: Fragen Sie Ihren Chiropractor oder Physiotherapeuten, welche spezifischen Übungen für Sie sinnvoll sind.
Zusammenfassung: Handeln Sie frühzeitig
Bewegungseinschränkungen entstehen nicht über Nacht. Sie sind das Ergebnis jahrelanger unbewusster Ausweichbewegungen und Schonhaltungen. Mit regelmäßigen Selbsttests können Sie frühzeitig erkennen, ob Handlungsbedarf besteht – lange bevor ernsthafte Einschränkungen entstehen.
Die wichtigste Botschaft: Akzeptieren Sie kleine Schmerzen nicht einfach als normal. Sie sind oft die ersten Warnsignale Ihres Körpers.
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