TMG und SIG - Die unbekannten Gelenke
Du warst mit deinen Beschwerden bei verschiedenen Experten. Jeder hat sich seinen Teil angeschaut — und keiner hat eine befriedigende Erklärung gefunden.
Willkommen im Niemandsland des Bewegungsapparates.Es gibt Gelenke im menschlichen Körper, die strukturell komplex sind, neurologisch bedeutsam — und trotzdem systematisch ignoriert werden. Nicht weil sie unwichtig wären. Sondern weil sich schlicht niemand zuständig fühlt.
Zwei dieser Gelenke schaue ich mir in nahezu jeder Erstuntersuchung an. Das TMG und das SIG.
Das Kiefergelenk (TMG): Alle schauen hin — niemand sieht das Ganze
Das Temporo-Mandibuläre Gelenk, kurz TMG, ist das Kiefergelenk. Und es ist ein klassisches Beispiel für ein Gelenk, das zwar viel Aufmerksamkeit bekommt — aber meist von der falschen Seite.
Der Zahnarzt schaut auf den einzelnen Zahn. Der Kieferorthopäde auf den Biss. Der Neurologe auf Kopfschmerzen — tippt auf Migräne, Spannungskopfschmerz, irgendetwas. Der HNO auf Tinnitus und Schwindel — tippt auf alles Mögliche. Und das TMG? Das hat sich bestimmt schon jemand anders angesehen.
Ein klassisches „Someone Else's Problem" — wie Douglas Adams es beschrieben hat: Das Ding ist unsichtbar, nicht weil es nicht da ist, sondern weil das Gehirn es aktiv ausblendet. Jeder geht davon aus, dass ein anderer zuständig ist. Ergebnis: Niemand ist zuständig.
Dabei ist das TMG ein Gelenk wie jedes andere: Es braucht Bewegung, Belastung im richtigen Maß und eine gute neuromuskuläre Kontrolle, um langfristig funktionsfähig zu bleiben.
Was viele nicht wissen: Das Kiefergelenk und die Halswirbelsäule sind neurologisch eng miteinander verknüpft. Spannungen im Nacken beeinflussen den Kiefer — und umgekehrt. Wer das TMG behandelt, ohne die Halswirbelsäule und den Schultergürtel mitzudenken, behandelt an der Oberfläche.
Typische Beschwerdebilder, bei denen das TMG eine Rolle spielt — und häufig übersehen wird:
- Chronische Kopfschmerzen und Migräne
- Tinnitus und Ohrgeräusche ohne klaren HNO-Befund
- Kieferknacken oder eingeschränkte Mundöffnung
- Nackenverspannungen, die auf Behandlung nicht ansprechen
- Schwindel und Gleichgewichtsstörungen
Das Beckengelenk (SIG): Der blinde Fleck der Orthopädie
Das Sacro-Iliakale Gelenk, kurz SIG, verbindet Kreuzbein und Beckenschaufel — und ist eines der am häufigsten übersehenen Gelenke bei Rückenschmerzpatienten.
Warum? Weil Hüfte und Bandscheibe im Bild meist interessanter aussehen. Wenn ein MRT eine Bandscheibenveränderung zeigt, wandert die Aufmerksamkeit dorthin — auch wenn die eigentliche Schmerzquelle das SIG ist.
Das ist ein Problem, das ich regelmäßig sehe: Patienten, die wegen „Bandscheibenproblemen" behandelt wurden, monatelang, ohne nennenswerte Besserung. Und bei denen die gezielte Untersuchung und Behandlung des SIG innerhalb weniger Sitzungen eine Wende bringt.
Das SIG ist kein kleines Gelenk. Es ist eine der größten Gelenkflächen des Körpers, trägt erheblich zur Stabilität des Beckens bei — und liefert dem Nervensystem eine Menge an propriozeptiven Signalen. Diese Signale sind entscheidend für die Koordination und Lastverteilung im gesamten Rumpf.
Typische Hinweise, dass das SIG beteiligt sein könnte:
- Einseitiger tiefer Rückenschmerz, oft mit Ausstrahlung ins Gesäß
- Beschwerden beim Treppensteigen, langen Sitzen oder beim Aufstehen
- Schmerzen, die sich bei bestimmten Schlafpositionen verschlechtern
- Beckenschiefstand oder das Gefühl, „schief" zu stehen
- Beschwerden, die nach Schwangerschaft, Sturz oder längerem Sitzen begannen
Warum das in der Regelversorgung oft fehlt
Medizin ist spezialisiert — das ist gut. Aber Spezialisierung hat einen Preis: Je enger der Blickwinkel, desto mehr entgeht ihm.
Das TMG liegt zwischen Zahnmedizin, Neurologie, HNO und Orthopädie — ohne klare Zuständigkeit. Das SIG liegt zwischen Orthopädie, Physiotherapie und Chirurgie — und wird im MRT oft als „unauffällig" eingestuft, weil seine Pathologie subtil und schwer standardisiert messbar ist.
In beiden Fällen gilt: Was ich nicht suche, finde ich auch nicht.
Was der Chiropractor anders macht
Die Untersuchung des TMG und des SIG gehört in meiner Praxis zur Standarddiagnostik. Nicht bei jedem Patienten steht sie im Vordergrund — aber sie ist Teil des Gesamtbildes.
Denn der Körper ist kein Stapel von Einzelteilen. Eine Funktionsstörung im Becken beeinflusst die Lendenwirbelsäule. Die Halswirbelsäule beeinflusst den Kiefer. Der Kiefer beeinflusst die Körperhaltung. Wer nur dort behandelt, wo es wehtut, verpasst häufig den Ausgangspunkt.
Meine Aufgabe ist es, diesen Ausgangspunkt zu finden — und die Bedingungen zu schaffen, unter denen dein Körper sich selbst wieder regulieren kann.
Wenn du das Gefühl hast, dass bisher jeder nur auf seinen Teil geschaut hat — aber niemand auf das Ganze: Ruf an. Wir schauen gemeinsam hin.